Eine visuelle Archäologie des Sehens

Schwarzweissfotografie einer belebten New Yorker Strasse im frühen 20. Jahrhundert: Männer in Anzügen und Hüten gehen über den Bürgersteig, im Hintergrund fahren eine Strassenbahn und Pferdefuhrwerke; im Vordergrund kommt ein Mann im dunklen Anzug mit Hut auf die Kamera zu.

Ein Buch über eine Kamera – und über eine Epoche, in der Sehen noch eine Praxis war. «Augen auf! 100 Jahre Leica» erzählt nicht nur Technikgeschichte, sondern rekonstruiert das visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts.

Was wäre, wenn ein Objektiv mehr ist als Glas und Metall? Nicht bloss ein technisches Instrument, sondern eine kulturelle Linse, durch die der visuelle Puls des 20. Jahrhunderts erst lesbar wird? Hans-Michael Koetzles «Augen auf! 100 Jahre Leica» ist kein Fotobildband im herkömmlichen Sinn. Das Buch ist eine visuelle Archäologie: eine grossformatige Expedition in das kollektive Bildgedächtnis der Moderne, in der sich Technik, Publikationsgeschichte und ästhetische Praxis unauflöslich verschränken.

Am Anfang steht – wie so oft – ein scheinbar beiläufiges Detail: Oskar Barnacks Prototyp von 1914, entstanden aus der Notwendigkeit heraus, eine tragbare Kamera zu entwickeln. Was als pragmatische Lösung begann, wurde rasch zum Katalysator eines veränderten Sehens. Die Leica war nicht einfach kleiner als ihre Vorgängerinnen; sie veränderte den Standort des Fotografen in der Welt. Mobilität, Schnelligkeit, Unauffälligkeit – das waren nicht nur technische Eigenschaften, sondern Bedingungen für eine neue Bildsprache.

Koetzles Band erzählt diese Geschichte nicht linear. Stattdessen entfaltet er ein dichtes Geflecht aus Fotografien, Essays, Faksimiles von Zeitschriftenseiten und Buchdoppeln. Gerade darin liegt eine seiner grössten Stärken: Fotografie erscheint hier nie als autonomes Kunstwerk, sondern stets als publiziertes, zirkulierendes, verbreitetes Bild. Die Leica wird zur idealen Kamera für eine Epoche, in der Bilder nicht mehr im Atelier entstehen, sondern im Strom der Ereignisse – und ihren Sinn erst im Druck, in der Reproduktion, im Kontext gewinnen.

Man begegnet den Ikonen: Cartier-Bressons «entscheidendem Moment», Capas gefährlicher Nähe zum Geschehen, den Reportagen, die Kriege, Städte und Gesellschaften in das visuelle Gedächtnis eingeschrieben haben. Doch das Buch bleibt nicht bei der Heroisierung stehen. Es interessiert sich ebenso für die Bedingungen der Möglichkeit dieser Bilder: für technische Standards, für Distributionswege, für das Verhältnis von Fotografie und Zeitgeist. Die Leica erscheint so weniger als mythisches Objekt denn als historischer Akteur – eingebettet in ökonomische, mediale und politische Konstellationen.

Beim Blättern stellt sich ein eigentümlicher Effekt ein: Man bewegt sich nicht durch ein abgeschlossenes Werk, sondern durch ein Archiv. Die Seiten lassen sich an beliebiger Stelle öffnen, Verbindungen entstehen assoziativ. Gerade darin liegt die stille These des Buches: Fotografie ist kein abgeschlossenes Bild, sondern ein relationales Medium. Ihre Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von Aufnahme, Auswahl, Publikation und Rezeption.

Der Titel «Augen auf!» wirkt dabei weniger wie ein Imperativ als wie eine Erinnerung. An eine Zeit, in der das Auslösen des Verschlusses noch eine bewusste Entscheidung war – nicht Teil eines endlosen Bilderstroms. Die Leica steht hier für einen Moment historischer Verdichtung: für eine Epoche, in der Sehen noch eine Praxis war, kein Reflex. Das Buch erzählt diese Geschichte ohne Nostalgie, aber mit einem deutlichen Bewusstsein für den Verlust an Aufmerksamkeit, den die Gegenwart mit sich bringt.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Werks, das man nicht konsumiert, sondern benutzt. «Augen auf! 100 Jahre Leica» ist Nachschlagewerk, Bildarchiv und kulturhistorischer Essay zugleich. Es lädt dazu ein, immer wieder zurückzukehren, neu zu sehen, Verbindungen zu ziehen. Nicht als Denkmal einer Marke, sondern als präzise montierte Erinnerung daran, dass das 20. Jahrhundert auch eine Geschichte des Sehens war.


Koetzle, Hans-Michael (Hg.): Augen auf! 100 Jahre Leica. Heidelberg: Kehrer Verlag, 2014. 564 Seiten, Hardcover. ISBN 978-3-86828-523-9.

(Bild: Ernst Leitz / Leica Camera AG)