Gefährliche Rivalitäten – Wirtschaftskriege und die Illusion der Normalität

Containerfrachter mit bunt gestapelten Containern fährt schräg unter einer Brücke hindurch; Luftaufnahme, die die enge Passage und globale Transportinfrastruktur zeigt.

Was als Rückkehr der Geschichte firmiert, ist oft nur die Rückkehr des Verdrängten. Handelskriege, protektionistische Politiken und ökonomische Blockbildungen erscheinen heute als Bruch mit einer angeblich stabilen Weltordnung. Werner Plumpes «Gefährliche Rivalitäten» zeigt hingegen: Die Konflikte waren nie verschwunden. Sie waren nur historisch überdeckt.

Die postmoderne Gegenwart – sofern man diesen Begriff noch ohne Ironie verwenden kann – lebt von der Vorstellung permanenter Ausnahme. Lieferkettenkrisen, Handelskriege, technologische Blockbildungen, geopolitische Eskalationen: All dies erscheint im öffentlichen Diskurs als Störung eines ansonsten funktionierenden Systems, als Bruch mit einer regelbasierten, rationalen Weltökonomie. Werner Plumpes Buch «Gefährliche Rivalitäten» setzt genau an dieser Selbstbeschreibung an – und unterläuft sie mit historischer Beharrlichkeit.

Denn was Plumpe rekonstruiert, ist keine Abfolge bedauerlicher Entgleisungen, sondern eine lange Geschichte ökonomischer Konfliktualität, in der Rivalität nicht als Abweichung, sondern als strukturierendes Prinzip erscheint. Wirtschaftskriege sind bei ihm kein Betriebsunfall der Moderne, sondern deren Normalform. Gerade in dieser Entdramatisierung liegt die eigentliche Provokation des Buches.

Plumpes Zugriff ist dezidiert anti-teleologisch. Weder die frühe Globalisierung noch der industrielle Kapitalismus des 19. Jahrhunderts noch die liberale Weltwirtschaftsordnung nach 1945 erscheinen als Fortschrittsstufen auf ein harmonisches Ziel hin. Stattdessen entfaltet sich eine historische Serie von Machtverschiebungen, Ressourcenauseinandersetzungen und Konkurrenzregimen, in denen ökonomische Rationalität stets politisch vermittelt bleibt.

Der freie Markt, so liesse sich Plumpes Argument zuspitzen, war historisch nie unschuldig. Er war immer eingebettet in Imperien, Staaten, Gewaltapparate – und damit in asymmetrische Machtverhältnisse. Die vielbeschworene Trennung von Ökonomie und Politik erweist sich im historischen Rückblick als ideologisches Artefakt: nützlich zur Legitimation, untauglich zur Analyse.

Besonders instruktiv ist Plumpes Behandlung des 19. Jahrhunderts, jener Epoche, in der der Freihandel zur zivilisatorischen Leitidee aufstieg. Was hier oft als moralischer Fortschritt erscheint, liest Plumpe als hegemoniale Strategie: Offenheit wurde dort propagiert, wo sie den eigenen Vorsprung sicherte; Protektion dort praktiziert, wo sie notwendig erschien. Freihandel und Protektionismus sind in dieser Perspektive keine Gegensätze, sondern funktional austauschbare Modi kapitalistischer Selbstbehauptung.

Diese historische Entzauberung wirkt bis in die Gegenwart hinein. Sie unterläuft jene nostalgische Erzählung, wonach Globalisierung einst ein kooperatives Projekt gewesen sei, das erst jüngst durch Populismus und Nationalismus beschädigt wurde. Plumpe zeigt vielmehr: Die Konflikte waren immer da – sie wurden nur zeitweise erfolgreich verdeckt.

In dieser Logik erscheinen auch die ökonomischen Spannungen der letzten Jahre in neuem Licht. Handelskonflikte zwischen den USA und China, technologische Entkopplung, strategische Industriepolitik – all dies ist weniger Zeichen eines Systembruchs als Ausdruck einer historischen Rückkehr des Sichtbaren. Was lange als Sachzwang des Marktes naturalisiert war, tritt wieder offen als Machtfrage hervor.

Besonders deutlich wird dies in Plumpes nüchterner Einordnung der Trump-Ära. Donald Trump fungiert hier nicht als Ausnahmefigur oder Zivilisationsbruch, sondern als Charaktermaske einer Struktur, in der ökonomische Interessen wieder ungeschützt politisch artikuliert werden. Die Person verschwindet hinter der Logik, der Affekt hinter der Funktion. Damit entzieht Plumpe der moralischen Empörung den Boden – ohne die Konflikte zu verharmlosen.

«Gefährliche Rivalitäten» ist kein Buch der grossen Thesen, sondern eines der methodischen Konsequenz. Es erinnert daran, dass historische Analyse nicht trösten soll, sondern entnüchtern. Wer dieses Buch liest, verliert die Illusion einer konfliktfreien Weltökonomie – gewinnt dafür aber einen klareren Blick auf die Bedingungen der eigenen Gegenwart.

Gerade darin liegt seine Nähe zu einer postmodernen Sensibilität: Nicht im Feiergestus des Relativen, sondern in der Skepsis gegenüber Totalerzählungen, Normalitätsfiktionen und Fortschrittsversprechen. Plumpes Geschichte der Wirtschaftskriege ist letztlich eine Geschichte der dauerhaften Instabilität moderner Ordnungen – und damit ein stiller Kommentar zur conditio postmoderna selbst.


Plumpe, Werner: Gefährliche Rivalitäten. Wirtschaftskriege – von den Anfängen der Globalisierung bis zu Trumps Deal-Politik. Berlin: Rowohlt, 2025. 320 Seiten, Hardcover. ISBN 978-3-7371-0216-2.

(Bild: Timelab / Unsplash)