«Reineckerland» – Drehbuch und Abgrund

Herbert Reinecker, aufgenommen vor einer Bücherwand.

Ein Buch über Drehbücher – und über eine Epoche, in der Schuld noch erzählbar schien. «Reineckerland» rekonstruiert nicht nur das Werk Herbert Reineckers, sondern legt die ästhetischen und moralischen Spannungen des bundesdeutschen Nachkriegsfernsehens frei.

Warum «Der Kommissar» – jene vom ZDF zwischen 1968 und 1975 produzierte Krimiserie mit ihren 97 Folgen – eine derart nachhaltige Faszination auf ein Millionenpublikum ausübte, ist nicht allein aus medienhistorischer Perspektive interessant. Auch rezeptionsästhetisch und ideologiekritisch wirft die Serie Fragen auf. Zentral dafür sind die Drehbücher Herbert Reineckers, der als massgeblicher Autor die Tonlage, Figurenführung und moralische Grundierung der Serie prägte. Die Studie «Reineckerland: Der Schriftsteller Herbert Reinecker» von Rolf Aurich, Niels Beckenbach und Wolfgang Jacobsen bietet erstmals einen systematischen Zugang zu Reineckers Gesamtwerk und setzt dessen Drehbücher in Beziehung zu einer Biografie, die eng mit den Brüchen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verwoben ist.

Von dieser biografisch und werkgeschichtlich fundierten Perspektive aus lässt sich auch die Ästhetik von «Der Kommissar» neu lesen. Die bewusste formale Reduktion – Schwarzweiss, langsames Erzähltempo, knappe Dialoge – verleiht den Episoden eine eigentümliche Spannung und rückt weniger den Kriminalfall als eine fragile Normalität ins Zentrum. Schuld, Verstrickung und Verbrechen erscheinen dabei nicht als Ausnahme, sondern als latente Möglichkeit des Alltäglichen.

Dass Reinecker ein ausgeprägtes Gespür für Abgründe besass, überrascht kaum, wenn man seine Biografie in den Blick nimmt. Sie liest sich weniger als individuelle Ausnahme denn als exemplarischer Spiegel deutscher Kontinuitäten und Verdrängungen.

Im Mai 1945 ist Reinecker dreissig Jahre alt. Hinter ihm liegen Jahre intensiver publizistischer Tätigkeit im Dienst des Nationalsozialismus: als Redakteur der Zeitschrift «Jungvolk», als Schriftleiter in der Reichsjugendführung, später als Kriegsberichter der Waffen-SS. Am 5. April 1945 erscheint mit einem Leitartikel in «Das Schwarze Korps» sein letzter Text für das untergehende Regime. Nach dem Krieg folgt zunächst eine Phase der Unübersichtlichkeit. Reinecker schreibt für regionale Feuilletons, bevor er zum Film und Fernsehen wechselt – ein Schritt, der sich für ihn als folgenreich erweisen sollte.

In den folgenden Jahrzehnten avanciert er zu einem der erfolgreichsten Drehbuchautoren der Bundesrepublik. Spätestens mit «Derrick», das in über hundert Länder verkauft wird, erreicht er in den späten 1970er Jahren den Zenit seiner Karriere. Zugleich verdichten sich in seinen letzten Lebensjahren Berichte über Depressionen und intrusive Erinnerungen an den Krieg. Reinecker stirbt 2007 in seinem Haus am Starnberger See im Alter von 92 Jahren.

Reinecker blieb, wie er selbst einmal sagte, nach 1945 ein Heimatloser. Ein Autor, der seine Rolle im Dritten Reich nie offen aufarbeitete, sie aber auch nicht leugnete. Einer, der in seinen Geschichten den Wertezerfall der modernen Gesellschaft beklagte und zugleich wusste, dass die Ideale, an die er als junger Mann geglaubt hatte, durch Krieg und Massenmord jede moralische Legitimität verloren hatten.

In dieser Hinsicht erweist sich «Reineckerland» als mehr als eine klassische Werkbiografie. Die Studie liest Herbert Reineckers Erzählformen als widersprüchliche Verschränkung von biografischer Schuld, historischer Verdrängung und ästhetischer Form und macht sichtbar, wie sehr seine Drehbücher von einer Erfahrung geprägt sind, die sich weder erzählerisch noch moralisch abschliessen lässt.


Aurich, Rolf / Beckenbach, Niels / Jacobsen, Wolfgang: Reineckerland: Der Schriftsteller Herbert Reinecker. München: edition text + kritik, 2014. ISBN 978-3-86916-336-9.

(Bild: Istvan Bajzat / KEYSTONE/DPA)