Die Welt gilt als grausam. Diese Diagnose ist vertraut geworden, beinahe selbstverständlich. Sie begleitet politische Krisen ebenso wie private Enttäuschungen und scheint durch ihre scheinbare Evidenz jede weitere Nachfrage zu erübrigen. Doch gerade diese Selbstverständlichkeit macht misstrauisch. Denn wer die Welt grausam nennt, hat ihr meist bereits einen Massstab unterlegt – und damit mehr über seine Erwartungen verraten als über die Welt selbst.
Die Rede von der grausamen Welt ist selten eine nüchterne Beschreibung. Sie ist Anklage. Sie richtet sich nicht primär gegen das, was geschieht, sondern gegen das, was ausbleibt: Sinn, Ordnung, Rechtfertigung. Leid erscheint nicht nur als Erfahrung, sondern als Skandal. Die Welt wird moralisch verklagt, weil sie einem impliziten Versprechen nicht genügt.
Dieses Versprechen wird selten explizit formuliert. Es tritt als Humanismus auf, als Fortschrittsglaube, als Verantwortungsethik. In seinem Kern bleibt es jedoch ein Anspruch: Die Welt schuldet uns etwas. Sie soll sinnvoll sein, gerecht, bewohnbar im emphatischen Sinn. Wo dieser Anspruch enttäuscht wird – und er wird es notwendig –, schlägt Hoffnung in Ressentiment um. Die Welt wird nicht hingenommen, sondern zum feindlichen Gegenüber erklärt.
Vielleicht liegt die Grausamkeit jedoch nicht in der Welt, sondern in dieser Erwartung. Nicht ihre Gleichgültigkeit ist das Problem, sondern die Hoffnung, sie müsse es nicht sein.
Die Anklage
Albert Camus’ Gedanke der «zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt» richtet sich genau gegen diesen Anspruch. Gleichgültigkeit bezeichnet hier keinen Mangel, sondern einen Befund. Die Welt antwortet nicht. Sie rechtfertigt sich nicht. Sie kennt keine Adressaten. Sie ist weder gut noch böse. Sie ist einfach da. Zärtlich ist diese Gleichgültigkeit, weil sie nichts verlangt: kein Einverständnis, kein Sinnbekenntnis, keine Hoffnung.
Der Skandal dieses Gedankens liegt nicht in seinem Pessimismus, sondern in seiner Nüchternheit. Camus verweigert nicht nur religiöse Sinnangebote, sondern auch ihre säkularen Erben: Fortschritt, Geschichte, Selbstverwirklichung. Die Welt ist nicht defizitär, weil sie keinen Sinn bereithält. Sie ist unschuldig, gerade weil sie nichts verspricht. Wo nichts zugesagt ist, kann auch nichts verraten werden.
Diese Klarheit steht quer zu einem Zeitgeist, der Sinn nicht mehr findet, sondern fordert. Hoffnung erscheint darin weniger als Möglichkeit denn als Pflicht. Man soll sie nicht verlieren, nicht aufgeben, nicht infrage stellen. Hoffnung wird zur sozialen Erwartungsnorm. Wer hofft, gilt als verantwortungsvoll; wer verzichtet, als zynisch, gefährlich oder kalt.
So wird Hoffnung zur Technik der Anpassung. Sie verschiebt Aufmerksamkeit von der Gegenwart auf eine bessere Zukunft und entwertet das, was ist, zugunsten dessen, was sein soll. Leid erhält Bedeutung nur noch als Durchgangsstadium, als Material für Sinn. Was sich nicht integrieren lässt, gilt als defizitär. Die Welt wird zum Projekt erklärt, das schlecht umgesetzt wurde.
Demgegenüber erscheint die moderne Hoffnung als eine subtile Form moralischer Gewalt. Sie zwingt der Welt Massstäbe auf, die sie nicht erfüllen kann. Sie entwertet das Gegebene zugunsten eines vorgestellten Besseren. Was ist, genügt nie. Immer fehlt etwas: Sinn, Tiefe, Richtung. Hoffnung wird so zur dauerhaften Kränkung der Wirklichkeit.
Diese Kränkung bleibt nicht folgenlos. Sie erzeugt einen eigentümlichen Affektmix aus Anspruch und Enttäuschung, aus moralischer Überlegenheit und latenter Verbitterung. Wer leidet, leidet doppelt: an den Umständen – und an der stillschweigenden Unterstellung, es müsste anders sein. Aus Kontingenz wird ein Skandal, aus Erfahrung ein Versagen.
In diesem Sinne ist Hoffnung kein harmloses Gefühl, sondern eine normative Setzung. Sie sagt nicht nur: Es könnte besser werden, sondern: Es sollte besser sein. Und genau darin liegt ihre Grausamkeit.
Zwei Hoffnungen
Diese Kritik richtet sich jedoch nicht gegen jede Hoffnung. Sie richtet sich gegen jene Hoffnung, die versöhnt, wo nichts versöhnt ist; die tröstet, wo Klarheit gefordert wäre; die Sinn verspricht, wo nur Kontingenz zu haben ist. Diese Hoffnung ist grausam, weil sie der Welt einen Massstab aufzwingt, den sie notwendig verfehlt.
Davon zu unterscheiden ist eine andere Form der Hoffnung, wie sie bei Ernst Bloch entworfen wird. Blochs Hoffnung ist keine metaphysische Versicherung und kein Trostapparat. Sie ist eine Denkform des Noch-Nicht. Sie setzt keinen Sinn voraus, sondern liest in der Gegenwart ihre unerfüllten Möglichkeiten. Nicht als Versöhnung, sondern als Spannung. Nicht als Zusage, sondern als Aufgabe.
Bloch hofft nicht auf eine bessere Welt, sondern aus der Welt heraus – gegen ihre jeweilige Gestalt. Hoffnung ist hier kein Gegenmittel zur Enttäuschung, sondern eine Form kritischer Aufmerksamkeit. Sie richtet den Blick auf das, was möglich wäre, ohne zu behaupten, dass es notwendig eintreten müsse. Gerade dadurch entgeht sie dem Trost.
In diesem Sinn widerspricht Bloch Camus nicht frontal. Er verschiebt den Akzent. Wo Camus die Welt gegen falsche Sinnzuschreibungen verteidigt, verteidigt Bloch die Zukunft gegen ihre voreilige Festschreibung. Camus besteht auf der Grenze, Bloch auf der Möglichkeit. Camus schützt die Klarheit, Bloch das Offene.
Beide Positionen bergen Risiken. Camus’ Nüchternheit kann in Stillstand umschlagen, Blochs Möglichkeit in ein neues Versprechen. Doch gerade in dieser Spannung liegt ihre produktive Kraft. Hoffnung verliert ihren grausamen Zug dort, wo sie aufhört zu trösten. Und Klarheit verliert ihren resignativen Beigeschmack dort, wo sie sich nicht mit dem Gegebenen identifiziert.
So verstanden klagt Hoffnung die Welt nicht an. Sie entschuldigt sie nicht. Sie verklärt sie nicht. Sie bleibt nüchtern – und gerade darin politisch. Eine solche Hoffnung verlangt keinen Trost. Sie verlangt Denken, Geduld und Mass.
Vielleicht lässt sich die Spannung so fassen: Camus lehrt, ohne Hoffnung zu leben – um der Klarheit willen. Bloch lehrt, ohne Trost zu hoffen – um der Möglichkeit willen.
Zwischen beiden öffnet sich kein Ausgleich, sondern ein produktiver Zwischenraum. Einer, in dem sich leben lässt, ohne die Welt zu verklagen – und handeln, ohne sie zu verklären.
(Bild: Christiaan Huynen / Unsplash)